ИНТЕРВЬЮ

Zillo 2/03 (Februar 2003)

Wir saugen Blut und weinen die Perlen der Sterbenden!

In regelmäßigen Abständen kehrt er wieder: Der Künstler von der traurigen Gestalt. In unübertroffen nekrophiler Ästhetik schmückt er nicht nur die Titelseiten eines befreundeten Musikmagazins, sondern macht er vor allem durch aufwendige Produktionen von sich reden. Zum neuen Jahr gehen Sopor Aerternus mit uns auf Zeitreise und spinnen auf "Es reiten die Toten so schnell" die einstige Trilogie-Idee vom "Blut der schwarzen Rose" zu Ende. Das Zillo nutzt die Gelegenheit, sich wieder einmal der mystischen Anna-Varney Cantodea zu nähern.

Wer das geheimnisvolle Projekt kennt, weiß, dass wie Michael Endes Orakel nur aus einer Stimme zu bestehen scheint. Und so bekomme ich prompt zum Heiligen Abend "Post". Gespannt klicke ich das Fenster auf, möchte ich doch zu gern wissen, warum Sopor Aeternus, deren Musik und Texte sich im Leiden stets fortentwickelt haben, auf "es reiten die Toten so schnell" 14 Jahre in die Vergangenheit blicken.
"Das war in gewisser Weise inhaltlich bedingt. Eigentlich waren wir in der Tat mit der Arbeit an einem anderem Album beschäftigt, doch mit der Zeit wurde ich immer unzufriedener mit der thematischen Richtung, in die es sich zu entwickeln drohte. Irgendwie kamen wir nicht von der Stelle; Bild und Ton schienen nicht wirklich zusammenzupassen, und alles in allem war ich von einem entsetzlichen Gefühl der Hoffnungslosigkeit bedrückt. Musik und Texte schienen eine trägen, alles verzehrenden grauen Dunstschleier auszuatmen, der den unglücklichen Hörer lediglich als ausgelaugte, leblose Hülle zurückzulassen trachtet. Selbstmitleid und das völlige Fehlen von Perspektiven wucherten wie giftige Ranken durch sämtliche Stücke; alles war nicht nur äußerst unerfreulich, sondern auch auf furchtbare Weise uninspirierend. Für mich selbst war dies mehr als erschreckend, denn es liegt gewiss nicht in meiner Absicht, ewig und drei Tage über nichts anderes als Schmerz und Depression zu singen. Ehrlich gesagt, hatte ich die Nase wirklich gestrichen voll von all dem Selbstmitleid, das sich da, auf die ein oder andere Art, ständig immer wieder in die Stücke einschlich. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als dem eigentlichen Übel auf den Grund zu gehen und es - hoffentlich - mit den Wurzeln auszureißen. Darum schnappte ich mir den guten Besen und begab mich auf die Suche nach all den bösartigen kleinen "Opfern", den zappligen Hungergeistern und Parasiten, die sich offenkundig noch irgendwo in den dunklen Ecken des Hauses verkrochen hatte."
Womit wir beim Untertitel des Albums wären. Ließe demzufolge "the Vamyre sucking at his own vain" auf die Aufarbeitung eigener Erfahrungen schließen? "Nein, der Untertitel wißt eigentlich eher mit dem Zaunpfahl darauf hin, das unter der wohl bekannten, durchaus archetypischen Symbolik - die dank jahrzehntelanger Abnutzung durch meist drittklassige Horrorstreifen zwangsläufig wie ein bis zur Unverträglichkeit abgedroschenes Klischee daherkommt - in der tat ein innerer, seelischer Konflikt zugrunde liegt. Was in gewisser Weise vielleicht lediglich wie eine Anhäufung von Szenen aus einem biligen, gotischen Schauerroman wirken mag, beschreibt in Wahrheit aber - wenn auch eben in leicht verschlüsselter Form - die Einflüsterungen und leidvollen Verstrickungen, sie sich aus dem unerkannten [oder verleugneten] Verlangen nach der eigenen Vernichtung ergeben können ...- hier, wie bei Sopor Aeternus üblich, mit der wunderbaren Anna-Varney in der Rolle der Titelheldin, auf deren Biographie dieses ganze Spektakel letztendlich ja auch beruht."
Während der ehemals erste Teil der Trilogie mit minimalistischen elektronischen Mitteln eingespielt wurde, glänzt die neue Fassung durch opulenten Arrangements. Trotzdem sind die ersten sieben Stücke weitestgehend gleich geblieben, oder? "Oh, hallo ... eigentlich haben die Neubearbeitungen kaum noch etwas mit dem Ausgangsmaterial zu tun. Sicherlich, die Basis ist die gleiche, denn sowohl die Originaltexte als auch die Melodien wurden selbstverständlich beibehalten. Die Weiterentwicklung von Musik und Arrangements ist allerdings ... immens."
Vielleicht macht es auch gerade das so schwer, die einstige Gliederung wiederzuerkennen. Wo sind den die Grenzen zu ziehen? "Nirgendwo. Die Dreiteilung wurde unter anderem deshalb aufgelöst, weil sich die Neubearbeitung von der ursprünglichen Herangehensweise unterscheidet, welche in ihrem Wesen durchweg neurotisch war. Die Reduktion oder Komprimierung ist hierbei nun als eine offenkundig symbolischer Akt zu verstehen, da jedes Album, wie gesagt, immer ein weiterer schritt im Heilungsprozeß ist, dessen erklärtes Ziel letztendlich die Befreiung in einem glücklichem Tod ist. Daher ist "Es reiten die Toten so schnell - oder: Th eVampyre sucking at his own vain" - jetzt ein komplettes in sich geschlossenes Album." Aufgenommen wurde es übrigens von John A. Rivers, der auch so manches Kleinod von Dead Can Dance produzierte. "Oh, John A. Rivers ist ein wirklich gut aussehender Mann, und allein schon deshalb ist es eine wahre Freude, mit ihm zusammenzuarbeiten. Selbstverständlich ist er aber auch ein begnadeter Tontechniker und Produzent, und das manche Stücke des Albums bis zu Acht verschiedene Bassisinstrumente haben - die natürlich, wie sollte es auch anders sein, zur selben Zeit spielen - waren wir in der Tat auf seine immense Erfahrung angewiesen.
Und was hat Sopor Aeternus erstmals nach England geführt? "British Airways", heißt es lakonisch in der Remail. Aber Sopor Aeternus & The Ensemble of Shadows haben schon immer ihren eigenen Humor besessen. Übrigens musste ein großer Teil de Ensembles diesmal daheim bleiben. Eine rein logische Entscheidung? "Ja, so war es. Allerdings sind das Ensemble of Shadows und die Liste der Gastmusiker zwei gänzlich verschiedene Dinge - aber ich gebe gern zu, dass dies alles für einen Außenstehenden auf den ersten Blicketwas verwirrend sein mag. Das Ensemble steht für das [kollektive] Un(ter)bewusste, die Stimmen der Toten - das Dunkle, mit dem wir kommunizieren und aus dem wir letztendlich unsere Kraft schöpfen." Auch die Fans dürfen auf diesem mystischen Dunkel reichlich schöpfen. Obwohl die makabreren Phantasien bis Ende der Neunziger noch als Geheimtip von Ohr zu Ohr gingen, scheute man sich nicht, aufwendige Sonderauflagen mit verschwenderischen Prägedrucken unters Volk zu streuen. "Nun, so aufwendig sind die Drucke nun auch wieder nicht, und mit viel Handarbeit geht es dann schon so einigermaßen. Außerdem sind diese speziellen Auflagen eben, wie gesagt, auch stets limitiert, so dass am Ende dann doch immer irgendwie alles geradeso hinkommt."
Gerade für die früheren Exemplare zahlen Sammler ja mittlerweile bei ebay Spitzenpreise. "Ich finde, sie sollten gleichzeitig auch eine großzügige Spende an die geheiligte Organisation von "Füttert Varney" überweisen. Die Göttin wird dann bestimmt gütig auf sie herniederlächeln." Manchmal sind die Grenzen zwischen Zynismus und Ironie schmal. Heißt das etwa, dass sich Anna-Varney nach "Es reiten die Toten so schnell " auch den Fragmenten "Ehjeh Ascher Ehje" und "Voyager" annehmen könnte? "Nein, das hätte frau nicht gekonnt, da es aus den bereits erwähnten Gründen von essentieller Notwendigkeit war, dass wir uns den Stücken erneut annahmen. Jetzt endlich können sie aber in Frieden ruhen, da die gefräßigen Toten erfolgreich vernichtet wurden." Stimmt. Und so wartet die limitierte Vinyl-Fassung nicht nur mit Picture und Poster, sonder unter anderem auch mit drei geweihten Hostien der heiligen St. Varney v.d. Toten und Friedhofserde auf. Ein Anflug von Selbstironie? "ich weiß nicht, was du meinst. Wir sind hier alle todernst."

Elmar Klemm