ÈÍÒÅÐÂÜÞ

ORKUS ¹5 Mai 1999

Mit „Dead Lovers‘ Sarabande" erschien soeben ein neues Meisterwerk von Anna-Varney. Daß auch dieses Album etwas ganz besonderes ist, konntet ihr ja schon in der letzten Orkus-Ausgabe lesen, da „Dead Lovers‘ Sarabande" zum Album des Monats erkoren wurde. Zur Musik sei an dieser Stelle nur noch ein einziges Wort gesagt: EINZIGARTIG! (Und es ist jedenfalls kein (!) Neofolk).

Um die Musik soll es in diesem Interview aber auch nicht gehen, zumal diese für sich selbst spricht. Zum Interview kann ich vorweg bloß sagen, daß es anders zustande gekommen ist, als das sonst bei meinen Interviews der Fall ist. Anna-Varney ist dort, hier und nirgendwo.

Orkus: Ehrlich gesagt, ist mir bei Deinem neuen Werk „Dead Lovers‘ Sarabande" neben den Photos natürlich als erstes aufgefallen, daß dieses Album einem Toten gewidmet ist: „dedicated to 1334". Dies ist niemand anderes als Rozz Williams, der sich ja leider, wie bekannt, vor etwa dreizehn Monaten aus eigenem Entschluß von unserer Welt verabschiedete. Wie sehr hatte dich sein Tod getroffen?

Anna-Varney: Ich habe es erst am nächsten Tag erfahren und ich dachte nur: schade..., jetzt ist ja kaum noch einer von uns übrig. Am Ende kommt es dann wohl noch soweit, daß ich als die letzte Überlebende übrig bleibe... - das wäre wirklich ein guter Witz! Tja, es hätte tatsächlich eine gewisse Komik.

Erst war ich ein bißchen unsicher und fragte nachdrücklich, ob es denn wirklich ganz sicher sei, daß er sich umgebracht habe, da ich mir damals nicht bewußt war, irgendeine Benachrichtigung von den Geistern erhalten zu haben -(was natürlich nicht stimmte, wie sich später herausstellte. Selbstverständlich hatten sie mich benachrichtigt, ich hatte es damals nur nicht gleich erkannt...)- also ersuchte ich die Wohlwollenden Mächte um Information. Doch als Erklärung erhielt ich nur ein ziemlich unklares Gerede von wegen: „Enttäuschung (in vielerlei Hinsicht) und einem schon lange geplanten Vorhaben"...-Hm.

Ja, es ist wirklich schade... –ich hätte gerne noch einmal mit ihm gesungen.

Orkus: Hattest Du zu ihm eigentlich Kontakt? Ich weiß nur, daß er Deine Musik kannte und sehr schätzte.

Anna-Varney: Wir hatten eigentlich nur sehr flüchtigen Kontakt und sind uns auch nie leibhaftig begegnet.., was aber weder tragisch noch verwunderlich ist. Ich hegte noch nie besonders großes Interesse daran, Menschen zu treffen..., auch dann nicht, wenn ich sie als Künstler respektierte, wie es bei Rozz durchaus der Fall war. Und, weißt Du, außerdem ist die Realität immer eine Enttäuschung..., was natürlich, von einem eher spirituellen Standpunkt aus betrachtet, etwas ganz wundervolles ist... –eine „Ent-täuschung" eben, die Dir nichts geringeres als die Wahrheit selbst offenbart..., oder vielleicht sollte ich sagen eine Wahrheit. Naja, zuweilen jedenfalls.

Gerade dieses Jahr kam ich von den Wohlwollenden Mächten eine echte Ent-täuschung zum Geschenk gemacht, quasi als mitternächtliche Geburtstagsüberraschung...,d.h. genaugenommen war es eigentlich kurz nach Elf, was ich zuerst aber gar nicht richtig mitbekommen hatte, ich meine die Bedeutung, die in diesem Geschenk verborgen lag. Erst Tage später fielen mir all die Komponenten auf... Im ersten Augenblick war ich einfach nur maßlos erschüttert...,ach, eigentlich war der ganze Tag wenig erfreulich... –wie das eben so ist mit Geburtstagen, jedenfalls von einem bestimmten Standpunkt aus. Schließlich bilden sie zusammen mit Sylvester und Weihnachten die drei niederschmetternsten Tage des ganzen Jahres...

Aber vielleicht sollte ich das nicht einfach so unkommentiert im Raume stehenlassen, denn ein wahrlich großes Mysterium geht gleichsam mit ihnen einher... –doch ich bin augenblicklich viel zu müde und außerdem fühle ich mich etwas (zu) unwohl, um tiefer darauf einzugehen.

Aber egal. Auf jeden Fall war es wirklich eine gelungene Ent-täuschung und, wie das eben so ist, auch ein weiteres Zeugnis für den seltsamen Zauber von MAYA, der großen Illusion...

Wo waren wir gerade? Ach ja, Rozz... –ja, Rozz ist tot. Aber wie das eben so ist mit den Toten, sie leben in unserer Erinnerung (und gelegentlich auch in unseren Körpern) weiter und sind somit eigentlich nicht wirklich gestorben. Erst wenn wir uns nicht mehr an sie erinnern, sie vergessen, ist es, als ob sie einen zweiten Tod sterben müßten..., das finde ich wesentlich trauriger.

Orkus: Das ist wahr. Doch kommen wir zu den Photos im Booklet, auf denen Du einen Butoh-Tanz zelebrierst. Es wäre sehr lieb von dir, wenn Du uns über diesen Tanz aufklären würdest, zumal es zum einen ja verschiedene arten, zum anderen verschiedene Interpretationen gibt.

Anna-Varney: Das erste Mal kam ich Anfang der Achtziger mit BUTOH in Berührung, und seit damals ist meine Liebe zu dieser Form des Tanzes ungebrochen. Etwa zu dieser Zeit tourten Sankai Juku gerade mit ihrer legendären „Hängepartie" durch die Welt, einer Performance, in der die Tänzer des Ensembles in einer Höhe von bis zu 24 Metern kopfüber an Seilen über den Straßen der Städte baumelten. Besonderes Aufsehen erregte gerade diese Kompanie um Ushio Amagatsu, als einer der Tänzer 1985 in Seattle während einer Vorstellung zu Tode stürzte... Es waren zweifelsohne diese und ähnliche Besonderheiten, die den Ruf dieses Tanzes als einer extremen Kunstform, welche die scheinbaren Grenzen zwischen der Kunst und des Lebens zu sprengen vermag, bekräftigte. Und genau hier liegt die immense Bedeutung von BUTOH verborgen, das weitaus mehr ist, als jenes Klischeé, auf welches manch Unwissende es so gerne beschränkt sehen: die nackten, androgynen Tänzer mit ihren kahlrasierten Schädeln und weiss-geschminkten Körpern, die verdrehten Glieder mit ihren Säbelbeinen, die schmerzhaft langsamen Bewegungen oder die ach-so-provozierende erotische Bildersprache... All dies ist natürlich nicht zu leugnen, da es ganz gewiß ein Bestandteil so mancher (wichtiger) Choreographien ist, doch existiert überdies hinaus noch eine weitere, ungleich bedeutungsvollere Ebene: BUTOH ist viel mehr, als bloß „irgendeine japanische Tanzform"...; in Wahrheit ist es zutiefst spirituell, eine Philosophie und Lebensweise.

Aus diesem Grund läßt sich BUTOH auch nicht einfach so nebenbei betreiben... -alles ist ständiger Veränderung unterworfen.

Im Westen wurde BUTOH oftmals als eine direkte Reaktion und künstlerische Auseinandersetzung mit den Atombomben-Abwürfen auf Hiroshima und Nagasaki interpretiert: die weißen, langsam zuckenden Gestalten, deren Bewegungen wie eingefroren wirken, als Metapher für den schrecklichen Augenblick der Explosion..., und obgleich die Entstehung des BUTOH den Jahren auf den II.Weltkrieg folgte, waren es doch hauptsächlich zwei Künstler, nämlich Tatsumi Hijikata und Kazuo Ohno, die, auf der Suche nach einer eigenständigen, neuen Form des Tanzes, dieses Genre begründeten.

Rückblickend läßt sich die Geburt des BUTOH auf ein bestimmtes Ereignis festlegen: die Performance „Kinjiki" im Mai 1959. Das kurze Stück war inspiriert von Yukio Mishimas Roman „Verbotene Farben" und hatte keinerlei Musik. Allein die Bilder waren von immens starker Wirkung: es zeigte einen jungen Mann (Yoshito Ohno), der auf der Bühne eine sodomitische Szene mit einem lebenden Huhn vollzog, in dessen Verlauf er es zwischen seinen Schenkeln erdrosselte. Im Dunkeln vernahm man die Schritte eines Mannes (Tatsumi Hijikata), der daraufhin um die Gunst des Jungen warb...

Sowohl Hijikata, als auch Kazuo Ohno waren beides Schüler von Baku Ishi, der selbst stark beeinflußt von deutschen Expressionismus, dem Ausdruckstanz („Neuer Tanz") der zwanziger und dreißiger Jahre war, inspiriert von Tänzern wie der großen Mary Wigman. Dieser Neue Tanz hatte mit seinen Ausdrucksmitteln bereits die Ästhetik des barocken Balletts von der Bühne verbannt und so eine Kunstform geschaffen, die imstande war, die Innenwelt des Menschen zu Ausdruck zu bringen.

Doch BUTOH sollte noch einen Schritt weiter gehen... –es war eine kompromislose Auflehnung gegen (westliche) Konventionen, eine Revolte gegen die allzu große Bedeutung, die der Technik im Tanz allgemein hin beigemessen wurde. Seine Bilder erweckten Assoziationen von Verfall, Angst und Verzweiflung, aber auch von Ekstase und Stille...

Jahre später prägte Hijikata den Namen ANKOKO BUTOH, was soviel wie „Tanz der Dunkelheit" bedeutet, und seine Choreographien schienen von überall her beeinflußt, selbst von europäischen Autoren wie Lautréamont, Genet, de Sade oder Artaud, auf die er auch häufig verwies.

Heutzutage gibt es so viele verschiedene Stile, wie es BUTOH Tänzer gibt, und längst hat sich eine neue Generation von (jungen) Gruppen etabliert, die ihre Choreographien auch ausdrücklich ´NewButoh´ nennen, mit welchen ich aber -zugegebenermaßen- nicht immer allzuviel anzufangen weiß...

Orkus: Auf der letzten CD nennst Du Deinen Stil „Ankoku Butoh". Warum interessierst du dich speziell für diese Art?

Anna-Varney: Als ich das erste Mal mit dem BUTOH-Tanz konfrontiert wurde, war ich unter anderem deshalb so begeistert, weil sich mir endlich die Möglichkeit bot, all dem Schmerz Ausdruck zu verleihen, der, wie ich damals empfand, vorher nie wirklich sichtbar geworden war. Es ist die Schönheit der Dunklen Seite (der menschlichen Existenz), aus der ANKOKU BUTOH seine Kraft zieht, und wie jede andere Kunstform auch, erhält es (für mich) seine alleinige Existenzberechtigung nur aus der Notwendigkeit (!) heraus, aus der es geboren wird... -sowie der Wahrhaftigkeit. Würde frau all dies aus meiner Arbeit ausklammern, dann wäre nichts mehr übrig.

BUTOH bedeutet oftmals die Auflösung und somit Opferung der eigenen Persönlichkeit, des eigenen Charakters, um im Tanze die Form und das Wesen bspw. eines Steines, einer Blume, eines Vogel oder eines Baumes anzunehmen... Für mich allerdings ist BUTOH untrennbar mit der eigenen Persönlichkeit, den Erfahrungen der eigenen Existenz verbunden, gleichwohl auch hier das Infragestellen der eigenen Identität ein zentraler Aspekt ist. Es ist diese Subjektivität, wie sie auch in gewisser Weise stets in Kazuo Ohnos Interpretationen zum Ausdruck kommt, und dessen Art zu tanzen ich sehr verehre. Für mich besitzt sie die (Ausdrucks-)Kraft und Macht, die Seele zu heilen... –jedenfalls für eine gewisse Zeit.

Orkus: Butoh scheint n der Gothic Bewegung nie besonders bekannt gewesen zu sein, obwohl Formationen wie Die Form oder auch Clair Obscur schon vor Jahren Butoh in ihre Bühnenshow integriert haben. Ist es möglich, daß wir Europäer im allgemeinen keinen Zugang zu diesem fernöstlichen Tanz besitzen? Oder muß man eine gewisse geistige sowie auch körperliche Grenze überschritten haben, um die Schmerzen und die Dunkelheit des Tanzes lieben und verstehen zu können?

Anna-Varney: Für meine Begriffe erschließt sich (Ankoku) BUTOH nicht über den Intellekt, sondern über die Seele, das Empfinden. Tod, Liebe, Schmerz und Leid sind universelle Themen, und da sie im Tanz, also ohne den Umweg der Sprache „mit-ge-teilt" werden, können sie auch von allen Menschen auf dieser Welt verstanden werden..., vorausgesetzt natürlich, daß sie bereit sind, sich der Dunkelheit zu öffnen... –einer Dunkelheit, über die wir oftmals nichts wissen und der sich ANKOKU BUTOH zu nähern versucht...

Mittlerweile gibt es längst unzählige europäische BUTOH-Gruppen, und irgendwie habe ich das unbestimmte Gefühl, daß es sich allgemein einer ständig steigenden „Beliebtheit" erfreut... –oder doch zumindest an Bekanntheit gewinnt. Aber machen wir uns nichts vor, die tiefe Liebe zu BUTOH, das wirkliche Verständnis, wird wohl auch weiterhin nur einer Minderheit zuteil werden. (und dies sagt mir ungemein zu, wie ich aufrichtigerweise gestehen muß...)

Eigentlich sollte frau meinen, das ANKOKU BUTOH in seinem Wesen sehr stark mit dem Geist dessen verwandt ist, was so landläufig als „Gothic" bezeichnet wird. Doch wenn ich mich so umschaue in dieser „Bewegung" (ha, allein das Wort ist in diesem Zusammenhang eigentlich schon ein Witz), so stellt sich mir dies alles als leider eher „geist-los" dar. Das Traurige dabei ist, daß die ganzen Kids -(I’m sorry, but that´s what they are...!)- stellenweise nicht mal die leiseste Ahnung von ihrer eigenen (Sub-)Kultur haben, ihrer Geschichte.

(Let me tell you , boys and girls, Marilyn Manson is neither original nor Goth!)

Wo wir gerade bei M.M. sind: hast Du Dir mal die Videos angesehen? Babe, da hat sich aber jemand kräftig bei der BUTOH-Ästhetik bedient... Bitte versteh´ mich richtig! Auch wenn ich mit deren Musik nichts anfangen kann, so finde ich die visuelle Umsetzung doch sehr schön... –und auch wenn alles im Grunde nur Show ist, so glaube ich trotz allem, daß seine Arbeit von großer Wichtigkeit für die amerikanische (Jugend-)Kultur ist! Naja, zumindest sein könnte...

Orkus: Und könntest Du bitte etwas zu den einzelnen Bildern im Booklet erzählen?

Anna-Varney: Nein..., denn das wäre so, als würdest Du mich bitten, meine Texte für Dich zu erklären. Vielleicht sind wir auf einer Reise, um das Unterbewußtsein der Menschenkinder zu erwecken...-wir sind gefährliche Passagiere, und unser seltsames Leben existiert lediglich in Eurer Phantasie.

Orkus: Okay, dann eine Frage zu dem Artwork des neuen Albums: auf der CD selbst ist eine Lilie zu sehen. Auf der Titelseite dieser Ausgabe hältst Du ebenfalls eine Lilie in Deinen Händen. Diese wahrlich schöne, edle und stolze Blume symbolisiert unter anderem Trauer. Doch welche Bedeutung hat die Lilie für dich persönlich?

Anna-Varney: Trauer ist nicht gerade das, was mir beim Anblick einer Lilie einfällt. Vielmehr ist es das Himmlische oder Überirdische, das ich mit ihr assoziiere, sowie die Phantasie, die Reinheit und die Wahrhaftigkeit...

Orkus: Kommen wir zu etwas anderem: vor nicht allzu langer Zeit berichteten die Medien über eine überaus erfolgreiche Ausstellung: Körperwelten. Diese Ausstellung bot den Besuchern noch nie zuvor gesehen Einblicke in tote, menschliche Körper(-teile). Was meinst Du, warum das Interesse an dem sonst zum Tabu erklärten Thema, daß die Veranstaltung in den letzten tagen sogar nachts geöffnet war und der Besucherstrom nicht abnehmen wollte?

Anna-Varney: In erster Linie sind die Menschen nun mal neugierig (wobei es „sensations-geil" hier womöglich etwas eher trifft), auch Voyeurismus im allgemeinen mag hier eine Rolle gespielt haben. Vor allem solltest Du aber auch bedenken, was für ein wirklich riesiger Medienrummel um die ganze Ausstellung gemacht wurde, sowohl im Vorfeld, als auch währenddessen und allein das kreierte schon ein mächtiges Interesse bei den Leuten. Wie gesagt, die Menschen sind „neu-gierig", und für viele ist nichts schlimmer, als wenn sie ein (vermeintlich) besonderes (und wichtiges ?) Ereignis, das vielleicht gerade auch noch in aller Munde ist, verpassen und somit nicht mitreden können. Zum Anderen waren die Menschen schon immer von den Dingen fasziniert, vor denen sie sich fürchten. Der Tod ist da ganz gewiß keine Ausnahme...

Orkus: Stell‘ Dir vor, jemand läßt sich plastinieren. Einige (hundert) Jahre trifft die reinkarnierte Seele im neue Körper auf den plastinierten, alten Körper. Könnte die Seele oder der Mensch an sich erinnert werden (man trifft ja unter Umständen auf fremde Menschen in seinem Leben, die wie Brüder oder Schwestern sind, „als ob man sie schon von Anbeginn der Zeit kennen würde"), und wenn ja, was wären die möglichen Folgen? Was könnte bei dieser Situation überhaupt passieren?

Anna-Varney: Wie viele Menschen besitzen denn überhaupt die Fähigkeit sich an ihre vergangene(n) Inkarnationen zu erinnern? Und ich rede hier jetzt nicht von den vermeintlichen Erinnerungen, die unter Hypnose „erweckt" werden oder bei sonstigen Regressions-Sitzungen zum Vor-schein kommen. Diese Bilder sollten nämlich besser nicht als Beleg für die Reinkarnations-Theorie angeführt werden, zumal sie ohne jegliche Beweiskraft sind, und es wesentlich wahrscheinlicher ist, daß sie direkt aus dem Unterbewußtsein des Betreffenden entstammen...

Trotz allem ist die Wiedergeburt natürlich eine Tatsache, und das Gefühl, jemanden schon seit Jahren zu kennen, obgleich frau ihr gerade erst begegnet ist, hat vermutlich jede schon mindestens einmal erlebt. Doch was genau ist es denn, an das wir uns in solchen Situationen erinnern? Was ist es, daß wir in unserem Gegenüber erkennen? Nun, der Körper an sich, also die äußere Hülle kann es ja wohl kaum sein, schließlich wurde diese ja mit dem Tode verlassen, quasi gewechselt.

Auch wenn wir akzeptieren, daß der Körper als der physische Ausdruck der Seele gilt, so hilft uns dieser Gedanke hier im Grunde auch nicht weiter, da wir im Allgemeinen nicht fähig sind, hinter die Form der Dinge zu schauen. Nun, jedenfalls nicht auf bewußter Ebene.

Was also könnte dieses unverhoffte Wiedererkennen dann anderes sein, als die flüchtige Berührung zweier Seelen? Ein (beiderseitiges ?) Erkennen, dessen tiefere Bedeutung uns allerdings verschlossen bleibt.

Wenn es also tatsächlich die Begegnung zweier Seelen ist, die schon in einem früheren Leben in irgendeiner Konstellation zusammengetroffen sind, dann braucht sich diejenige, die sich heute mit dem Gedanke an eine Plastinierung des eigenen Leichnams trägt, in dieser Hinsicht jedenfalls keine Sorgen zu machen.

Orkus: Kannst Du Dir vorstellen, selbst so eine Begegnung gehabt zu haben? Was für ein Gefühl ist das denn? Ein Gefühl unwahrscheinlich großer Freude?

Anna-Varney: Darling, das kommt ja wohl ganz darauf an, wen Du da wieder triffst, und in welcher Beziehung ihr zueinander standet. Stell´ Dir doch mal vor, Du wirst zu einem wichtigen Abendessen eingeladen und erkennst zu deinem Entsetzen in der Frau des Gastgebers plötzlich die Person, die Dich in einem früheren Leben auf heimtückische Weise umgebracht hat! Na, ich bin mir nicht sicher, ob mich das unbedingt mit „unwahrscheinlicher großer Freude" erfüllen würde. Aber ich glaube, es könnte durchaus ein Abend voller Überraschungen werden...

Orkus: Nun gut, ich muß ja nicht gleich meiner Mörderin/meinem Mörder begegnen. Mit der Freude dachte ich eher an jemanden, der mir in einem früheren Leben sehr nahe stand.

Nun eine andere Frage: der Mensch stirbt, der Körper zerfällt und wird zu Erde. Und nun gehen wir mal ganz kritisch (ungläubig) vor: wäre es nicht auch möglich, wenn der Körper durch die Plastination nicht in da große „Lebensrad" aufgenommen wird, daß die Seele eventuell im plastinierten Körper „gefangen" bleibt, bis dieser endlich „erlöst" ist? Wäre dies nicht gar unendliche Qual?

Anna-Varney: Wenn Du Begriffe wie „das große Lebensrat" verwendest, dann vermute ich, beziehst du Dich in diesem speziellen Fall auf den Kreislauf des Lebens im Allgemeinen, also Entstehen und Verfallen, Kommen und Gehen, Geburt und Tod..., sowohl der Seele, als auch des Körpers (und zwar durchaus auch unabhängig voneinander). Was also den bloßen Körper anbelangt, so glaube ich, daß es eigentlich ziemlich egal sein dürfte, ob dieser am Ende nun gänzlich aufgelöst wird (also verwest, verbrannt wird, gefressen wird oder was auch immer mit ihm passiert) oder aber für eine recht lange Zeitspanne erhalten bleibt (vom ökologischen Gesichtspunkt mal ganz abgesehen). Denn die Seele verläßt nach dem Tode nun mal den Körper und hat an diesem dann auch eigentlich kein weiteres Interesse mehr..., jedenfalls nicht langfristig. Sicher herrscht zuweilen schon mal die ein oder andere Verwunderung vor, wenn die Seele des Verstorbenen die eigene Hülle plötzlich von außen betrachtet, besonders dann, wenn es ein sehr rascher und unvermittelter Tod war (z.B. ein Autounfall), oder aber die Sterbeszene sich besonders rührend gestaltet. Doch recht bald darauf entschwindet die Seele zumeist, da es schließlich nichts mehr gibt, was sie hier noch hält.

Ein weitaus interessanterer Punkt, der mir hierzu einfällt, ist die Frage, wie lange die Seele benötigt, um sich restlos von ihrem alten Körper zu trennen! Denn hierbei gibt es durchaus Unterschiede. Im Zuge der Plastination spielt dieser Gedanke eigentlich keine große Rolle, da der Leichnam bestimmt ohne weiteres mehrere Jahre im Kühlfach liegen bleiben kann, bevor überhaupt damit begonnen wird, ihn in ein Plastinat zu verwandeln.

Ganz anders verhält es sich allerdings bei der Organspende, wo ja bekanntlich jede Sekunde zählt... Was also würde geschehen, wenn die Ärzte anfangen, den leblosen Körper weiter zu verwerten, die Seele allerdings noch -sagen wir emotional- mit ihm verbunden ist?

Leider vermag ich es nicht, diese Frage zu beantworten. Die Vermutung liegt allerdings nahe, daß die Möglichkeit eines wie-auch-immer-gearteten Schocks bestehen könnte, welcher von der Seele als Ballast mit in die nächste Inkarnation geschleppt wird. Welche Konsequenzen dies aber genau haben mag und was darüber hinaus noch mit ihr geschehen könnte, darüber vermag ich absolut keine Spekulationen anzustellen.

Möglicherweise ist diese Sorge aber auch gänzlich unbegründet..., ich weiß es wirklich nicht.

Kommen wir aber noch einmal auf Deinen ursprünglichen Gedanken, der, wie ich finde, eine wirklich „gemeine" Basis für eine Kurzgeschichte wäre:

stellen wir uns doch mal eine Seele oder einen Geist vor, dem es aus irgendwelchen Gründen nicht möglich ist -sagen wir aufgrund von Magie, z.B. eines fieses Bannspruches oder eines alten Fluches- den Körper nach dem Tode zu verlassen, doch dessen Leichnam bereits zur Plastination bestimmt ist. Vielleicht wird das Plastinat sogar solch ein Prunkstück, daß es in eine permanente Ausstellung aufgenommen wird, wo unzählige

Menschen es tagtäglich anstarren, doch niemand seine Schreie hören kann...,bis es irgendwann, wenn das allgemeine Interesse nachgelassen hat, in irgendeiner dunklen Abstellkammer verstaubt.

Hm, ja...- Ich denke „unendliche Qual" dürfte der Sache ziemlich nahe kommen...

Orkus: Na, dann hoffen wir mal, daß uns das nicht passiert. Nachdem Du Dich mit der Körperwelten-Ausstellung beschäftigt hast, kommt natürlich auch die Frage auf, was Deine intensivste Empfindung, aber auch Erfahrung (und vielleicht auch Begegnung) dabei war?

Anna-Varney: Meine, sagen wir, interessanteste Begegnung waren vielleicht die Interviews, die ich zu diesem Thema gelesen, bzw. gesehen hatte. Du weißt schon: „wie fanden sie die Ausstellung?", „würden sie sich ebenfalls plastinieren lassen?" blah,blah. Das Übliche eben. Interessant fand ich hier besonders die scheinbar unterschiedlichen Beweggründe, einer eigenen Plastinierung zuzustimmen: das reichte vom Dienst für die Wissenschaft und Menschheit im Allgemeinen oder dem eitlen Gefallen daran, den eigenen, für ach so schön befundenen Körper für die Ewigkeit zu erhalten, bis hin zur offenen Furcht vor dem dunklen, kalten Grabe, in dem man, still verwesend, von den Würmen gefressen werde. Bezeichnend hierbei war, daß keiner der Zustimmenden auch nur ansatzweise an die Existenz der Seele, ein Leben nach dem Tode oder aber ein Höheres, Göttliches Wesen glaubte.

Seltsam fand ich auch, mit welchem Mangel an Einfühlungsvermögen (so erschien es mir jedenfalls) Gunther von Hagens eben jenen, meist schon älteren Leuten, die Einrichtungen in seinem Institut vorführte. Deren Gesichter sprachen wirklich Bände...

Orkus: Angenommen Du könntest wählen, was Du in einem wohl komplett anderen Leben gerne sein möchtest: Wasser (süß oder salzig?), Feuer, Luft, Erde oder eine Pflanze...- für was würdest Du Dich entscheiden und warum?

Anna-Varney: Hm, ich glaube, ich wäre zuweilen gerne wie die Luft, dann hätte ich wenigstens keinen Körper, keine Materie mehr... Außerdem ist dieser Gedanke insofern recht naheliegend, da ich ohnehin ein Luftzeichen bin.

Orkus: Was denkst Du, wie das Leben als Luft ist?

Anna-Varney: Ich würde sagen, daß ich dann kein (eigenes) Bewußtsein mehr hätte. Vermutlich wäre ich also Teil der Erdseele...

Orkus: Was fasziniert Dich an der „Farbe" Schwarz ? Ist diese nicht mehr als nur eine Symbolik für Trauer? Ist sie nicht auch Schutz? Ist sie nicht ebenso Konzentration, Leere, Weite in ein Nichts, in dem etwas völlig anderes verborgen ist?

Anna-Varney: Ja, all dies... -und noch viel mehr.

Orkus: Welches Ziel möchtest Du in diesem jetzigen (irdischen) Leben erreichen?

Anna-Varney: Das wage ich nicht auszusprechen.

Orkus: Überwiegt in Deinem Herzen der Schmerz, die Liebe oder die Trauer? Inwieweit?

Anna-Varney: Kennt das Herz denn etwas anderes als die reine, bedingungslose Liebe? Wußtest Du, daß das Herz das einzige Organ im menschlichen Körper ist, das niemals an Krebs erkranken kann?

Schmerz, Einsamkeit, Angst und Trauer..., all diese Dinge wohnen an einem anderen Ort...

Was bei mir überwiegt?

Leider war hier unsere Zeit erst einmal zu Ende. Gegebenenfalls wird auch zu dieser Angelegenheit in der nächsten Ausgabe noch etwas zu lesen sein.

Es sei Liebe an Anna-Varney gesendet.

Interview: Claus Müller