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GOTHICWORLD
2003
"Und
die Wahrheit ist (...) ohnehin das Letzte,
das die Menschen dir glauben."
Kaum
eine Künstlerin hat es in den letzten Jahren geschafft, so
eindringliche, bedrückende, wie gleichermassen faszinierende
Werke zu erschaffen wie Anna-Varney. Sie hat es dem Hörer
nie leicht gemacht, obwohl ich der Meinung bin, das eigentlich
ein offenes Ohr (Herz) oft genug gereicht hätte, um sie und
ihre Arbeit besser zu verstehen. In diesem Zusammenhang, konnte
ich es auch verstehen, das sich Anna-Varney oft genug Interviews
gegenüber ablehnend verhielt.
Darum versuchte ich, die Gelegenheit welche sich ergab, zu nutzen
und vielleicht ein Interview zu schaffen, das von all den anderen
Fragen abweicht und für beide Seiten fruchtbar ist. Ich denke
es ist mir (wieder einmal! In aller Bescheidenheit!*g*) gelungen....
aber lest selbst!
GW: Nehmen wir das aktuelle Album zum Anlaß:
Es ist ja eigentlich die Vollendung von etwas, daß Du bereits
1989 begonnen hast. Zeit also, um vielleicht auch ein Stück
Resümee zu ziehen. (Denn jede einzelne Note und/oder Textzeile
möchte ich nicht auseinander nehmen!)
Was mir zuerst auffällt: Die Kassette "Es reiten die
Toten so schnell" erschien 1989. Die erste CD 1994.
Was hast Du in der Zwischenzeit gemacht?
Anna-Varney: Daran kann ich mich kaum noch
erinnern, da ich die meiste Zeit irgendwo schlafend im Dunkeln
verbrachte ...
GW: Wie gestalteten sich eigentlich die ganz profanen und sicherlich
sehr anstrengenden Probleme der Suche nach einer Plattenfirma?
Bevor Du TRISOL oder TRISOL Dich gefunden hat.
Anna-Varney: Ich habe eigentlich nie nach
einer Plattenfirma gesucht, da APOCALYPTIC VISION im Grunde speziell
für uns gegründet wurde. Dies ist übrigens unsere
Plattenfirma, nicht Trisol.
GW: Zurück zur neuen Platte: Wenn Du jetzt Resümee ziehst
..., inwieweit würdest Du selbst sagen, das sich Deine Musik/Dein
Leben (da ja gerade bei Dir beides in sehr engem Zusammenhang
steht) verändert hat?
Anna-Varney: Hmm ...,
vorsichtig ausgedrückt, würde ich vielleicht sagen,
daß ich jetzt so langsam anfange zu leben.
Mein jetziger "Zustand" läßt sich mit meinen
damaligen in nichts vergleichen ... - nicht einmal annähernd.
Früher war absolut alles mit Schmerz erfüllt, es gab
nicht anderes; Schmerz und Dunkelheit waren allgegenwärtig
... und allesverzehrend! Es gab keine Erlösung, keine Befreiung
... nur ein Pendel, daß von einem schmerzvollen Zustand
in einen anderen, ein noch größeres Extrem schwang
..., und in deren Mitte sich lediglich ein furchtbares Nichts
befand ... - was in gewisser Weise noch viel schlimmer war. All
das ging über Jahre hinweg; mit Fünf oder Sechs fing
es so langsam an ..., mit Zwölf dachte ich das erste Mal
über Suizid nach ... und mit Sechzehn/Siebzehn wurde es dann
wirklich bitter. Wenn ich so zurückblicke, bin ich wirklich
überrascht, wie ich das alles überstanden habe. Schon
lustig ..., irgendwie.
GW: Die Herangehensweise an das neue Album war ja wohl doch eine
andere als vorher. Andere Themen die Dich bewegen ... Inwieweit,
denkst Du, hat sich Deine Arbeit, auch durch den Ausflug mit Constance
bei NENIA, geändert, wo Du ja zum ersten Mal mit der Musik
und den Texten von jemand Anderem gearbeitet hast.
Anna-Varney: Ich glaube, alles in allem hat
es über fünf Jahre gedauert, bis ich tatsächlich
mit NENIA C'ALLADHAN anfangen konnte. Die Idee zu dem Projekt
kam damals von meinem Label ...; Alex hatte Constance irgendwann,
irgendwo einmal spielen gehört und meinte, daß es doch
möglicherweise eine gute Idee sei, wenn wir vielleicht mal
etwas zusammen machen würden. Obwohl mir manche Stücke
sofort wirklich gut gefielen - besonders die Melodie von "An
die Sterne" mochte ich schon immer gern - , so bekam ich
doch jedesmal entsetzliche Migräne und Depressionen, wann
immer ich auch nur den Versuch wagte, eines der Stücke zu
arrangieren. Damit war klar, daß ich erst meine eigenen
Sachen erledigen mußte, bevor ich auch nur daran denken
durfte, irgend etwas zu machen, daß eigentlich keinen wirklichen
Bezug zu mir hat.
Als "Songs from the inverted Womb" dann endlich fertig
aufgenommen war - das inhaltlich bis dahin mit Sicherheit komplexeste,
schwerste und daher auch "machtvollste" SOPOR AETERNUS-Album
[für mich, wohlgemerkt]- , fühlte ich mich ziemlich
erschöpft und wollte als nächstes unbedingt etwas leichteres,
einfach zugängliches machen. Irgend etwas, daß so gar
nichts mit mir zu tun hat ..., etwas, mit dessen Inhalt für
mich keinerlei Schmerz verbunden war ... - das aber trotzdem "gehaltvoll"
sein sollte. Ja, man könnte eigentlich sagen, daß ich
in gewisser Weise Popmusik machen wollte, wenn Du verstehst, was
ich meine. Wenn ich meine heutige Arbeitsweise mit meiner früheren
vergleiche, so besteht der einzige - aber dafür fundamentale
- Unterschied eigentlich nur in der Tatsache, daß ich, was
immer durch die Anrufung auch [herein-]kommen/erscheinen mag,
nun durchaus selektiere und [nachträglich eventuell] eine
neue Richtung gebe.
GW: Womit Du eine Frage beantwortet hast, die ich gar nicht gestellt
habe! (Inwieweit die Herangehensweise an das neue Album ein wenig
der von Dir früher oft erwähnten "Anrufung"
ohne Einfluss Deinerseits widerspricht. Danke!)
Was war der Grund dafür, den Produzenten John A. Rivers zu
wählen und nicht mehr mit Tobias Hahn zu arbeiten? War dies
nur für das aktuelle Album ein notwendiger Schritt, oder
ist es ein Schritt in eine mögliche Zukunft?
Anna-Varney: Wie üblich waren es bis
zu einem gewissen Grad Synchronizitäten, die zu dem Wechsel
führten. Um ehrlich zu sein, hatte ich die Nase auch wirklich
gestrichen voll, und allein die Vorstellung, noch eine weitere
Platte in Nachtschicht-Studio aufnehmen zu müssen, war wirklich
das allerletzte, was ich wollte. Es war einfach mal wieder allerhöchste
Zeit für eine [positive] Veränderung.
In der Tat wollte mein Label schon vor einigen Jahren, daß
ich im Woodbine Studio aufnehmen sollte, aber damals war ich einfach
noch nicht bereit dazu ... - nun, aus offensichtlichen Gründen.
Als dann Tobias auch noch verkündete, sein Studio schließen
zu wollen, um in Zukunft nur noch eigene Sachen zu produzieren,
war ich irgendwie direkt erleichtert, da mir die Entscheidung
damit eigentlich abgenommen wurde.
Der Unterschied war dann auch tatsächlich wie Tag und Nacht.
John A. Rivers ist nicht nur ein überaus gutaussehender Mann
- was die Arbeit natürlich zu einer zusätzlichen Freude
macht - sondern auch ein begnadeter Tontechniker und erfahrener
Produzent. Er hat nebenbei auch das perfekte Gehör und er
widmet sich - was für mich bis dahin gänzlich ungewohnt
war - wirklich zu 100% einem Projekt.
Wie sich während der Arbeit herausstellte, war die Entscheidung,
in ein wirklich professionelles Studio mit einem erfahrenen Team
zu wechseln, absolut essentiell, da manche unserer Stücke,
mit ihren bis zu 8 oder 9 Bassinstrumenten - die natürlich,
wie sollte es auch anders sein, alle gleichzeitig spielen - ,
wirklich extrem schwer abzumischen waren.
GW: Ist die Rückkehr zu einer lange zurückliegenden
Sache vielleicht sowieso so eine Art Abschluß und dann kommt
etwas (ganz) Neues?
Anna-Varney: Hmm .., vielleicht.
GW: Eine Frage, die mich schon seit langem persönlich interessiert.
In Deiner Arbeit spielt der Tod als Thema ja oft eine sehr intensive
Rolle. Sicher kennst Du die Ausstellung "Körperwelten",
die im letzten Jahr für Schlagzeilen gesorgt hat? Hast Du
sie gesehen?
Anna-Varney: Nein ... - d.h., ein Bekannter
von mir war da, und hat sich von dort ein Buch mitgebracht, das
ich bei ihm mal durchgeblätterte. Es war soweit ganz witzig
und auch recht interessant, letztendlich aber nicht wirklich mein
Stil.
GW: Wie ist Deine Meinung zu dieser Ausstellung? Wie empfindest
Du die Herangehensweise an die menschliche Vergänglichkeit,
den Tod, den die Macher dieser "Show" ja irgendwo praktizieren?
Anna-Varney: Nun, ich kenne Herrn Prof. von
Hagens, der ja schließlich auch keinen Hehl aus seiner "Geldgier"
- wie er es nennt - macht, nicht persönlich. Klar, es ist
eine Show ..., aber da es mich nicht wirklich interessiert, ist
es mir eigentlich auch ziemlich egal. Tut mir leid, aber ich habe
keine wirkliche Meinung zu dem Thema.
GW: In einem älteren Interview habe ich entdeckt, daß
Du den Roman "Cabal" von Clive Barker erwähnst.
Darin geht es ja unter anderem um den Ort "Midian".
Einen Ort, an dem (im normalen, menschlichen Auge) nur Monster
und Freaks leben, die sich aber als die "Guten" und
"Schönen" in der Geschichte herausstellen, während
Barker die Menschen für ihr Verhalten zu Monstern stilisiert.
Da sie alles, was sie nicht kennen, was ihnen fremd erscheint,
was sie nicht verstehen, vernichten müssen. Außerdem
beschreibt Clive Barker "Midian" als "... einen
Ort der Zuflucht, an dem einem die eingebildeten und begangenen
Sünden vergeben werden, einem Talisman an dem sich alle festhalten,
die leiden, einen Schutzwall gegen die Welt". Gibt es für
Dich ein "Midian"? Wäre nicht gerade dieser im
Roman beschriebene Ort ein Ort an dem Du leben wolltest?
Anna-Varney: Oh, früher habe ich mich
tatsächlich lange nach solch einer Zuflucht gesehnt ...,
bis mir nach vielen Jahren dann endlich klar wurde, wo genau ich
danach zu suchen hatte. Als mir schließlich der Zugang gewährt
wurde, wurde alles plötzlich so viel leichter. Allerdings
gibt es da noch eine Sache, die Du hierbei außer Acht gelassen
hast - zumal es im Buch auch nicht wirklich erwähnt wird,
glaube ich - , nämlich den Umstand, daß Du ohne den
richtigen ... hmm, wie soll ich es nennen ... "Schlüssel",
diesen Ort niemals betreten kannst ... - und wenn Du es doch versuchst,
dabei vernichtet wirst.
GW: Er schreibt zumindest, das DIE welche nicht REIF, nicht AUSERWÄHLT
sind, vernichtet werden. (Wobei aber auch nie so richtig klar
wird, was man denn nun tun/werden muß, um in MIDIAN aufgenommen
zu werden.) In einem anderen Werk ("Gyre") beschreibt
Barker die Figur der Zauberin Immacolata. (Grob übersetzt
die Makellose) Eine Frau von überirdischer Schönheit,
die ständig von den Geistern ihrer zwei toten Schwestern
begleitet wird und gerade in der optischen Erscheinung - abrasierte
Augenbrauen, Haaransatz um zwei Zentimeter zurück rasiert
- hatte ich sofort das Bild Anna-Varneys vor Augen. Hast Du dieses
Buch damals gelesen? Gibt es Parallelen? Inspirationen?
Anna-Varney: Nein, tut mir leid, habe ich
leider nie gelesen ... - allerdings hast Du recht: "überirdische
Schönheit" trifft wirklich genau auf mich zu!
GW: Es ist ja nun schon hundertmal durchgekaut worden, das ein
Teil Deines Namens, die Figur eines Vampirs aus einer alten "Groschenheftserie"
ist. Wie betrachtest Du selbst den, wie ich finde, sehr erotischen
Mythos der Vampire? Weil Du diesen Mythos ja jetzt auch wieder
aufgreifst. Wenn vielleicht auch etwas anders als "normal".
Anna-Varney: Oh, bitte ... - verschone mich
mit diesem völlig neurotischen Mist, von wegen sagenhafter
erotischer Anziehungskraft ... und nach Möglichkeit noch
inhärenter Göttlichkeit. Ja? Du meine Güte!
Laß uns hier mal eins von vorne herein klarstellen: ein
Vampyr ist nichts weiter als ein Parasit ... - Punkt. Er ist der
Archetyp des Jägers und Vergewaltigers. Kein Mitleid, kein
Gewissen. Alles andere ist lediglich die schöngeredete Projektion
seiner potentieller Opfer, von denen es hier offensichtlich mehr
als genug gibt.
Ich weiß, daß ich mich wiederhole,
aber offensichtlich ist es immer noch bitter nötig: Es ist
beinahe so, als würden die meisten Menschen heutzutage mit
einem riesigen Neonschild über dem Kopf herumlaufen, auf
dem in fetten, weithin leuchtenden Letter die Einladung verkündet
wird:
"Oh, bitte komm' und mißbrauche mich ...
- so, wie ich mich selbst mißbrauche!"
Welcher Vergewaltiger könnte einer solchen Einladung widerstehen?
Denn eines solltet Ihr wissen: der Jäger wird seine Beute
immer als solche erkennen!!! Und, so leid es mir tut, aber wenn
ich mich hier so umschaue, scheinen die kleinen Opfer wirklich
Schlange zu stehen.
Insofern ist die verwendete Symbolik also durchaus im traditionellen
- "normalen" - Sinne zu verstehen, denn, wie gesagt,
der Vampyr ist in der Tat ein Archetyp. Und indem hier von uns
die altbekannten, wenn auch mittlerweile zu Klischees verkommenen
Bilder aufgegriffen werden [und freudig mit ihnen jongliert wird],
so geben wir dem Suchenden - zugegebenermaßen auf relativ
subtile Weise, wenn auch nicht sonderlich verschleiert - die Instrumente
zu seiner eigenen Befreiung an die Hand.
Mit dem Untertitel "The Vampyre sucking at his own Vein"
wird wirklich geradezu mit dem Zaunpfahl darauf hingewiesen, daß
sich das eigentliche Drama im Grunde nicht im Außen abspielt,
sondern daß die dargestellten Szenen vielmehr Hinweise auf
im Inneren ablaufende Zustände und Programmierungen sind.
Die eigentliche Gefahr droht also nicht von dem äußeren
Angreifer - der so gesehen nichts weiter als lediglich das Symptom
einer Krankheit ist - , sondern besteht vielmehr in dem verhängnisvollen,
da nicht erkannten, oder schlichtweg verleugneten Verlangen nach
der eigenen Vernichtung. Daher lautet die zentrale Frage des Albums
auch:
"Would you bare your neck to the walking dead,
secretly, at least, within the safety of your head?"
GW: In dieser radikalen Betrachtungsweise schon wieder sehr ironisch.
Aber Du hast recht!. Es lohnt sich zumindest für mich, jetzt
einige Ansichten zu überdenken. Mir eben o.g. Frage zu stellen!
Was in diesem Vampirmythos ja auch einfließt ist "Blut".
Das Blut als mystische, magische Kraft, als Lebensenergie? Gerade
auch im o.g. Roman von Clive Barker, wird die Kraft, der sich
die Zauberin bedient, als Menstruum beschrieben, was ja nicht
von ungefähr den selben Klang, wie die Mondblutung einer
Frau hat. Jahrhundertelang galt ja gerade diese besondere Eigenschaft
der Frauen als sehr magisch und geheimnisvoll ...
Anna-Varney: Wohl eher als verderbt und schlecht
...
- als der Fluch der Frau, der Unreinen. Schon vergessen?!
GW: Vorrangig in der christlichen Religion! Die ja mehr als nur
einmal alte Mythen und Kräfte zerschlagen hat, da sie ihr
... nicht ins Weltbild passten. Ist das (Ur)Weibliche für
Dich etwas besonderes? Magisches? Die Tatsache, daß Frauen
Leben schaffen können, das in ihnen etwas wächst? Eine
Thematik, die man ja auch im Titel und einigen Texten/Elementen
Deines vorletzten Albums entdecken kann. ("Songs from the
inverted Womb" obwohl ich den Titel eher als geniales englisches
Wortspiel empfinde! Die Gebärmutter [ engl.: Womb], als der
Ort, aus dem wir kommen, und Tomb [Grab], der Ort zu dem wir gehen!
Aber auch solche Elemente, wie die Ultraschallgeräusche einer
Schwangeren....)
Anna-Varney: Was soll ich dazu sagen? Ich
bin keine biologische Frau, und ich habe und werde auch niemals
Kinder bekommen. Folglich bin ich wirklich die letzte Person,
die hier eine qualifizierte Anwort geben könnte. Auch bin
ich glücklicherweise schon lange darüber hinweg, mir
noch über irgendwelche vermeintlichen Aspekte von Männlich-
oder Weiblichkeit den Kopf zu zerbrechen. Was "Songs from
the inverted Womb" angeht, so ging es bei diesem Album um
die [erfolgreiche] Wiederbelebung des kleinen Leichnams eines
sechsjährigen Kindes, und - daran führt kein Weg vorbei
- der Auflösung eine Anima-Besessenheit.
GW: In einem anderen Gespräch erwähntest Du die Navajo-Legende
der fünf Geschlechter. Mann, Frau, der Frau-Mann, die Mann-Frau
und eben, ich zitiere Dich "das fünfte Geschlecht, Menschen
so wie Du". (Oder haben sich das die "Schreiberlinge"
mal selber wieder ausgedacht?) Bedeutet das fünfte Geschlecht,
weder noch, kein Geschlecht, alle Geschlechter... also Engel?
Die ersten Wesen? Die Schönen, die Überbringer von Nachrichten
und Strafen?
Anna-Varney: "Menschen, so wie ich",
ist mit Sicherheit keine Formulierung die ich verwendet habe.
Auch beschreibt die Legende der Navajo lediglich vier Geschlechter.
In der Tat würde ich mich aber bis zu einem gewissen Grad
dem Fünften Geschlecht zurechnen, wie im Grunde alle Freien
KriegerInnen der Neutralen Zone ...
Und da wir gerade bei KriegerInnen sind ..., um nochmal auf das
Thema Geburt zurück zu kommen. Es gibt bei der ganzen Sache
einen Aspekt, der mich wirklich fasziniert ..., oder sagen wir,
eine Frage, die sich jede Frau, die eine Geburt erfolgreich hinter
sich gebracht hat, irgendwann vielleicht stellen sollte [diese
Frage ist allerdings nicht auf meinem Mist gewachsen]:
"Warum sollte ich mich noch vor irgend etwas fürchten,
nachdem ich das alles durchgestanden habe?"
GW: Ich kenne diesen Ausspruch in einer etwas anderen Form. Stimme
dem aber vollends zu, weil es etwas ist, das ich als Mann nicht
erleben kann, mich aber in meiner Ansicht bestärkt, das Schmerz
in seiner endlichen Konsequenz durchaus etwas positives schaffen
kann.
Etwas Profanes: Ebenfalls in einem Interview, hast Du auf die
Frage nach Deiner Arbeit gesagt, daß Du sehr wohl arbeitest,
da Musik machen ja wohl Arbeit ist. Richtig! Ich glaube auch nicht,
daß der Fragende die Frage so gemeint hatte. Was nur in
Gesprächen mit anderen Musikern mir aufgefallen ist... Es
gibt z.B. zwei CDs von Dir, die als absolut rar gelten, bei ebay
für 70,00ˆ verkauft werden, da sie "nur" in einer
Auflage von 3000 Stück erschienen sind. 3000 das ist eine
Zahl, von der viele andere Musiker nur träumen können.
Bei Anna-Varney ist das eine "limited edition". Kannst
du also von Deiner Arbeit als Künstlerin leben, oder mußt
Du trotzdem einem sogenannten "normalen" Job nachgehen?
Ersteres ist ja auch eine Sache, die man erst einmal erreichen
muß.
Anna-Varney: Die Arbeit, der ich neben SOPOR
nachgehe, würdest Du bestimmt nicht als normal bezeichnen.
GW: Wenn ich mir Deine musikalische/textliche Entwicklung ansehe,
habe ich das Gefühl, daß Du in den letzten Jahren mehr
zu Dir selbst gefunden hast. In Dir selbst geschlossener und auch
gelassener, nicht mehr ganz so verletzlich und zerrissen wirkst.
So als hätte auch Deine Arbeit als Künstlerin sehr viel
dazu beigetragen, Dich mit vielen Dingen, die einst schmerzhaft
für Dich waren, zu versöhnen. Gerade auch durch die
zauberhafte, fast märchenhafte NENIA C'ALLADHAN CD.
Anna-Varney: Ist das denn so überraschend?
Schließlich ist gerade das ja Sinn und Zweck unserer Arbeit
... - Selbstheilung.
GW: Nein, überraschend ist es nicht!
Bist Du inzwischen glücklich? Welche Träume träumst
Du noch? Welche Wünsche? (Mir hat mal jemand geschrieben,
daß er mir viel Glück und Erfolg für meine Arbeit
wünscht, daß alle meine Wünsche in Erfüllung
gehen sollen... bis auf einen! Damit immer noch etwas bleibt,
wovon ich träumen kann, damit ich immer noch etwas habe woran
ich festhalten kann, was mich vorwärtstreibt. Was ich sehr
schön fand! Verstehst Du die Frage?)
Anna-Varney: Natürlich verstehe ich
die Frage, und eigentlich habe ich sie auch schon längst
beantwortet.
GW: Etwas ganz anderes: Ist Dir eigentlich der Sommer näher
als der Winter? (Blöde Frage? Ich versuche es zu erklären:
Ich stelle mir Anna-Varney ja gerne Tee trinkend, in einem lichtdurchfluteten,
von Pflanzen überwucherten Garten, mit einer Katze auf dem
Schoß vor! Warum Katzen? Sie würden einfach zu Dir
passen.)
Anna-Varney: Ach, ja. Projektionen sind was
Schönes ...
GW: Sind sie das nicht immer? Wie Du selber mal gesagt hast, liegt
die Interpretation eines künstlerischen Werkes ja auch immer
(nur) im "Auge" des Betrachters. Die Frage ist halt
nur: Wieviel Du davon (als einzige[r], der den "Schlüssel"
in der Hand hält) preis geben möchtest! War auch mehr
der Versuch, einmal mehr NICHT dem Bild zu entsprechen, das sich
die meisten Menschen (die Dich nicht kennen!) von Dir machen.
Dieses Bild, Anna-Varney würde zwischen Knochen in einer
Gruft leben...
Anna-Varney: Na, die Zeiten sind ehrlich
gesagt vorbei ... - schließlich werde ich ja auch nicht
jünger, und mit den Jahren beginnt es wirklich, die Gesundheit
zu beeinträchtigen.
GW: Was mich dann doch noch zu einer Frage bringt. Wie bei kaum
einer anderen KünstlerIn, habe ich bei Dir das Gefühl,
daß die Medien Deine Musik ausschließlich auf Deine
Person, und die nie [logischerweise nicht!] zu begreifenden "Attitüden"
[im Sinne von "Äußerlichkeiten"] reduzieren.
Besonders, wenn es dabei um [negative] Kritik geht.
Ist dies der Preis, den man bezahlen muss, wenn man sich so offen
gibt wie Du? Oder ist es der Trick, gerade mit dieser Offenheit
den Eindruck zu erwecken, man wäre eigentlich gar nicht offen,
man verberge sich hinter einem Geheimnis? (Klingt kompliziert?
Ich denke, Du verstehst was ich meine!)
Anna-Varney: Ach, weißt Du, das sind
so Dinge, über die ich mir wirklich nicht den Kopf zerbreche.
Der Punkt ist auch eigentlich der, daß Du Dich als KünstlerIn
irgendwann fragen mußt, was denn eigentlich genau Deine
Motivation ist, Deine Arbeiten - in unserem Fall eben Musik, Wort
& Bild - nach Fertigstellung tatsächlich auch zu veröffentlichen.
Wenn Du schlichten Pop [im Sinne einer wie auch immer gearteten
Unterhaltungsmusik] machst, dessen einziges Ziel/Berechtigung
es ist, die Leute zum Tanzen zu bringen, oder sie auf andere Art
eine gute Zeit verleben zu lassen, dann stellt sich diese Frage
vermutlich nicht wirklich ... - oder vielleicht mit verändertem
Vorzeichen. Wenn es aber Dein Anspruch ist, eine Kunst zu erschaffen,
welche nicht nur persönlich "eingefärbt" ist,
sondern vielmehr ihr gesamter Gehalt in der Tat zu 110% auf der
KünstlerIn selbst basiert, ausschließlich sie ihr konzeptioneller
Inhalt ist ... - Kunst, die letztendlich auch heilen soll[!] -
, dann bleibt Dir garnichts anderes übrig, als die Wahrhaftigkeit
zum allesbestimmenden Zentrum Deiner Arbeit - Deines Lebens[!]
- zu machen.
Wenn Du darüber hinaus vielleicht sogar noch den tiefempfundenen
[wenn auch geheimen] Wunsch in Dir trägst, durch die bloße
Schilderung des Leide[n]s, wie natürlich auch durch dessen
erfolgreiche Überwindung, anderen Menschenkindern zu helfen,
die möglicherweise - bis zu einem gewissen Grad - im Ansatz
ähnliche Situationen erlitten haben könnten, dann wird
offenkundig, daß Du tatsächlich nun der Wahrhaftigkeit
verpflichtet bist.
Doch da SOPOR AETERNUS eben eine Form von introvertiertem "Exhibitionismus"
ist, hat es mit der Offenheit dann natürlich auch irgendwo
seine Grenzen, zumal der bloße Charakter mancher [Interview-]Fragen
bereits ganz klar verrät, daß die entsprechende Antwort
ohnehin nicht wirklich verstanden werden würde. Es ist dabei
völlig in Ordnung - und auch absolut berechtigt - von uns
zu erwarten, daß wir unsere Arbeit aufrichtig und mit großer
Ernsthaftigkeit erledigen ... - aber es ist gewiß nicht
unsere Aufgabe, die Leute eben hiervon auch zu überzeugen.
Die Dinge sind nunmal , wie sie sind ..., und die Wahrheit ist
in den meisten Fällen ohnehin das Letzte, daß die Menschen
Dir glauben. Was soll also die ganze Aufregung?!
GW: Interessieren Dich Kritiken [negative und positive!], wenn
sie denn solche sind?
Anna-Varney: Nun ... - ja und nein. Wenn
man soviel Zeit und Energie in [z.B.] ein Album investiert hat,
und man aufrichtig mit dem Ergebnis zufrieden ist, dann hofft
man am Ende natürlich inständig, daß alle, die
es später hören, dann [mindestens] ebenso empfinden
werden ... - das ist doch ganz natürlich. Auch wollen wir
letztendlich alle geliebt werden ... [und dabei möglichst
viele Platten verkaufen!], und ein freundliches Feedback ist selbstverständlich
immer etwas Schönen! Daran gibt es garnichts zu rütteln.
Insofern ist eine positive Kritik natürlich stets etwas äußerst
Wünschenswertes.
Doch darüber hinaus verhält es sich mit [negativen]
Kritiken wie mit allem im Leben .. - sie sind relativ. Sie treffen
entweder zu ... oder auch nicht. Entsprechen sie der Wahrheit,
so gibt es keinerlei Grund, über sie in Wut zu geraten [oder
sich sonstwie zu ereifern] ..., und tun sie es nicht, so macht
es sogar noch viel weniger Sinn.
Das einzige, was mich zuweilen wirklich verärgert, ist eine
verschwendete Rezension. Jene selbstgefällige Art von masturbatorischem
Geschwafel, bei dessen Lektüre man am Ende noch nicht einmal
erfährt, ob es sich bei der besprochenen Platte denn nun
um HipHop, Punk, Klassik, Reggae oder sonstwas handelt. Aber ...
letztendlich ... ist vermutlich auch das relativ.
GW: Dann bleibt mir eigentlich nichts weiter, als das zum Schluss
obligatorische "Danke für das Interview" zu sagen.
Obwohl ich es in Deinem Fall wirklich ernst meine. Dann das Interview
hat mich in einem Punkt weitergebracht, genau wie es Deine Musik/Texte
bei mir immer getan hat. Es hat mich auf jeden Fall zum (Nach)denken
angeregt.
In diesem Sinne wünsche ich Dir (und damit uns!) noch etliche,
viele wundervolle Alben, die sich auch weiterhin nicht zum reinen
Konsumieren eignen. Und das sich der/Dein Prozess der "Selbstheilung"
weiterhin so positiv für Dich - und damit so fruchtbar für
uns - gestaltet.
Anna-Varney: Vielen Dank
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